Rezension von Dr. Verena Nussbaumer

Diese Rezension verfasste Dr. Verena Nussbaumer anlässlich meiner Ausstellung “Baummärtyrer” am 5.9.2014.

Die Ausstellung fand in Bad Schönau bei der alten Wehrkirche statt.

Bürgermeister Ferdinand Schwarz und Dechant Mag.Otto Piplics

hielten einführende Reden.

Musikalisch betreut durch das Trio “Toxico”

„Baummärtyrer“

von Bernd Schaudinnus

Bevor ich das engagierte Kunstprojekt mit dem Titel „Baummärtyrer“ von Bernd Schaudinnus vorstelle, möchte ich einen anderen Künstler in diesem Zusammenhang nennen, der ebenfalls ein Kunstprojekt mit Bäumen initiiert hat.

Die Rede ist von Friedensreich Hundertwasser(1928 – 2000)

Er hat Bäume als Kraftspender geschätzt und gepflanzt.

Bei dieser Kunstaktion waren die Bäume sogenannte „Baummieter“, ihnen wurde mehr Respekt gezollt und entgegengebracht, als den Baummärtyrern von Bernd Schaudinnus.

Hundertwasser hat unter „Baummietern“ Bäume verstanden, die aus dem Fenster eines Hauses wachsen.

1981 wurde von Hundertwasser der erste Baummieter in Wien im 9. Bezirk, in der Alserbachstraße 11 gepflanzt.

Diese Bäume waren Verbesserer der Stadtluft und des Wohnklimas. Sie sollten weit sichtbar sein und den Menschen zugute kommen.

(Leider ist der erste Baummieter, eine Robinie bei den Renovierungsarbeiten gestorben. Doch es zog dort ein neuer Baummieter ein, diesmal eine Hainbuche.

Die „Baummieter“ sind ein Sinnbild für ein Leben in Harmonie mit der Natur.

Um Hundertwasser in diesem Zusammenhang zu zitieren:

„Kunst ist die Brücke zwischen Mensch und Natur. Kunst ist nicht die Brücke zwischen Mensch und Mensch“.

Bernd Schaudinnus, ist ein Holz-Bildhauer der mit der Natur in Einklang arbeitet und aus ihr seine Inspiration schöpft.

Dieser Band ist seinem Kunstprojekt „Baummärtyrer“ gewidmet.

Im Jahr 2000 entdeckte Schaudinnus den ersten Baummärtyrer. Seit damals spürte er sie auf. Er fotografiert sie und verändert sie, macht sie zu Kunst-Objekten. Schaudinnus nennt sie Märtyrer, zu Märtyrern gemacht, wurden sie schon lange vorher.

Der vielseitige Künstler schneidet in ihre Rinde ein, bearbeitet sie mit dem Schnitzwerkzeug oder fräst in sie hinein mit einer Säge und ergänzt sie mit anderen Materialien.

1949 wurde der Bern Schaudinnusin Illmenau in Thüringen in der ehemaligen DDR geboren

Sein erster Beruf war die Ausbildung zum Mechaniker., der er auch das feinmotorische Geschick verdankt. Bei Wilhelm Niecke hat er in Berlin ab 1976 die Holzbildhauerei gelernt und eine Lehre absolviert. Der Bezug zu Holz war in der Familie vorhanden. Der Patenonkel hatte vor der Enteignung in der ehemaligen DDR eine Holzschnitzfirma gehabt.

Schaudinnus erhöht verletzte Bäume in ihrer Wertigkeit. Sie werden zu Mahnmalen für die Zerstörung in der Natur, die ihm als Greenpeace-Aktivisten ein besonderes Anliegen ist. Seit 15 Jahren ist der Künstler als Aktions-Koordinator bei Greenpeace tätig.

Schaudinnus schaut nicht weg. Sondern richtet seinen Blick auf die Natura Morta, denn die meisten Baummärtyrer sind bereits abgestorben. Baumstrünke, Baumstämme, gehäutet, geschält, mit oder ohne Rinde. Ihr Lebenssaft, das kostbare Harz tritt, aus den hölzernen Wundmalen aus.

Oft sind die Baummärtyrer Fundstücke, die der Künstler in seinem Atelier weiterbearbeitet, sie dann auf einen Sockel stellt und erhöht, ihnen Respekt und Wertschätzung entgegenbringt.

Das Titelbild, „Der Jesus von Tribama“ wurde vom Künstler noch mit einer Dornenkrone ausgestattet.

Das Verwunderliche ist, dass viele geschundene und verletzte Bäume bereits die Form eines Kreuzes aufweisen.

Das Wort Märtyrer heißt im christlichen Sinn „Zeuge“. Gemeint sind Menschen, die für Ihren Glauben für Christus gestorben sind, die einen gewaltsamen Tod für ihre Überzeugung.

auf sich genommen haben

In der christlichen Religion sind Märtyrer auch Bekenner, (Confessors), Zeugen, die unblutige Opfer auf sich genommen haben.

Die traditionelle Darstellung von Märtyrern ist mit einer Palme in der Hand oder mit einer Krone auf dem Kopf. Wie bei dem Baummärtyrer „Der Jesus von Tribama“.

Schaudinnus stellt zu Recht die Frage, was bezeugt ein toter Baum?

Die Bäume haben einen anderen Leidensweg durchgemacht, ein anderes Martyrium hinter sich als Märtyrer , wie sie die Kirche kennt. Schaudinnus macht mit seinen Holzobjekten auf die fortschreitende Zerstörung der Umwelt aufmerksam. Seine Kunst soll nachhaltig ein Umdenken bewirken, oder zum Nachdenken anregen.

Schaudinnus sagt über sein Baummärtyrer-Projekt: „Dieses beschäftigt sich mit der gedankenlosen Zerstörung unserer Umwelt. Es geht um Bäume und deren Verletzungen durch den Menschen, als Beispiel für unseren Umgang mit dem Planeten.“

Mein Projekt beschäftigt sich mit Bäumen, die durch die Unachtsamkeit von uns Menschen leiden und sterben. Sie sind die Zeugen, die Märtyrer unseres Unverstandes, unserer Gleichgültigkeit. Im Großen und auch im Kleinen!“

Der Künstler erhöht die verletzten Bäume zu skulpturalen Monumenten, die er der Natur zurückgibt.

Er hinterlässt seine Handschrift und Inschrift im Gehölz der verletzten Baumstümpfe.

Mein Projekt “Baummärtyrer” beschäftigt sich mit Bäumen, die durch die Unachtsamkeit von uns Menschen leiden und sterben. Sie sind Zeugen, die Märtyrer unseres Unverstandes, unserer Gleichgültigkeit gegenüber dem Leiden der Natur. Ein Märtyrer opfert sich für seine Überzeugung, er legt Zeugnis ab über die Zerstörung des Lebens.

Das für mich sichtbarste Zeichen eines sinnlosen und unachtsamen Umgangs mit der Natur und im Speziellen mit den Bäumen, sind die mit Stacheldraht umwickelten Bäume. Dieser Stacheldraht markierte einst eine Grenze, eine Weide, ein Kriegsgebiet oder Privateigentum.

Die Grenze ist längst gefallen oder verschoben, die Stacheldrähte in den Bäumen sind geblieben.

Schaudinnus dokumentiert als Künstler und Fotograf. Er sammelt verletzte Bäume, macht die einzelnen Verletzungen, die ihnen gedankenlos durch Nägel, Drähte, Schilder angetan wurden, sichtbar.

So gesehen ist dieses Kunstprojekt ein interaktives. Der Künstler versucht mit Hilfe seiner Werke die Betrachter zu sensibilisieren. Er zeigt uns auf, wie es um die Umweltzerstörung auf unserem Planeten bestellt ist. Für sein Kunstprojekt hat er Bäume, die einst mit der Anrede „Bruder Baum“ wertgeschätzt wurden, ausgewählt. Ich frage provokant, behandelt man so seinen Bruder?

Falls Sie nicht zu den Menschen gehören, die mit dem Handy am Ohr in den Wald gehen und denen der Wald als eine austauschbare Kulisse dient. Umarmen sie einen Baum, fühlen sie seine Energie! Sehen Sie hin bei Ihren nächsten Spaziergängen. Sie werden die Sturmschäden oder krankhaften Veränderungen an den Bäumen erkennen.

Vielleicht finden Sie ja einen weiteren Baummärtyrer, dann scheuen Sie sich nicht und erzählen sie das Bernd Schaudinnus, dem Künstler, der auch ein Spurensucher ist und einen verantwortungsvollen Fußabdruck mit diesem Kunstprojekt hinterlassen wird.

Schaudinnus macht als Künstler die Verletzungen der Bäume sichtbar. Er schält die Baummärtyrer aus der Rinde und unterzieht sie einer bildhauerischen Nachbearbeitung. Nach der Bearbeitung im Atelier stellt er die Objekte zurück in die Natur, wo sie auf neue Art und Weise Kontakt zu den Menschen aufnehmen.

Sie werden zu einem Mahnmal gemacht, zu etwas Bedeutsamen.

Einige abgebildete Exemplare der Baummärtyrer

Ich greife die herausragende Arbeit, des Hl. Sebastian heraus.

Die Äste wurden bearbeitet, abgeschliffen und mit Glasstäben ergänzt. Den Baummärtyrer ist Glasstäben wie von Pfeilen durchbohrt.

1973 absolvierte Bernd Schaudinnus ein Studium an der Ingenieurschule für technische Glasverarbeitung in Ilmenau. Diese Ausbildung bietet ihm im Zusammenhang mit der Glasbearbeitung eine perfekte Vorbildung. 1979 beginnt mit dem Studium an der Hochschule der Künste in Berlin.

Nebenberuflich arbeitete der Künstler als Restaurator oft in Kirchen. Die Kirchenfenster beinhalten die alte Verbindung zwischen Holz und Glas.

Das Motiv des Hl. Sebastian, der der Schutzheilige der Soldaten, Ausgegrenzten, der Pestkranken, der Aisdkranken, der Homosexuellen ist .

Künstler sind vom Sebastian-Mythos fasziniert und interpretieren ihn neu. Um einen anderen Holz-Bildhauer zu

nennen, der eine Skulptur des Hl. Sebastian aus Holz geschaffen hat, ist Stephan Balkenhol, geb. 1957 in Hessen, hier anzuführen.

„Der Jesus von Tribama“ (Lindenholz und Stacheldraht) ist eine weitere Baumskulptur. Dieser Baummärtyrer hat unverkennbar die Gestalt von Christus am Kreuz. Die beiden nach oben ragenden Äste zeigen in ihrem Schmerzgestus, die Form des Kreuzes. Hier hat der Künstler den umgekehrten Weg gewählt und den sonst bei den meisten Baummärtyrern vorhandenen Draht, hinzugefügt und als Dornenkrone gebogen und die Skulptur ergänzt.

Eine seltenere Ausformung eines Baummärtyrers ist die große Esche, die einst vor der alten Wehrkirche in Bad Schönau stand. In sie ist ein Verkehrsschild eingewachsen. Aufmerksame Bürger haben auf diesen Zustand hingewiesen. Der Bürgermeister wollte diesen Baummärtyrer unbedingt in der Ausstellung zeigen, die in Ergänzung zum vorliegenden Katalog, gezeigt wird.

Dieser Baum wurde gefällt und dem Künstler zur Nachbearbeitung in sein Atelier gebracht. Nun ist er wieder zurückgekehrt. Das Schild mit der Aufforderung Einfahrt verboten hätte in diesem Fall „Einwachsen verboten“ heißen sollen.

So sind auch Verwachsungen, Einkerbungen, Schnitzspuren Wundmale, die den Bäumen von Menschenhand zugefügt wurden.

Um einige Baumskulpturen von Schaudinnus zu nennen, sind „Durchbohrt“, (Weidenholz und Metall)„Baummärtyrer mit

Stacheldraht“, „Innen und außen“, „Janus der Zweigesichtige“ aufzulisten.

Mit dem Baummärtyrer „Der Schrei“ entstand eine Hommage an den norwegischen Künstler Edvard Munch (1963 – 1944). Seine expressionistische Arbeit, bestand aus vier fast identen Bildern, die sich nur in ihrer Farblichkeit unterschieden.

Der Schrei ist 1893 entstanden. Munch fühlte damals das Geschrei der Natur, das belegt eine seiner Tagebuchaufzeichnungen. Das Bild drückt lautloses Entsetzen aus.

Dieses Motiv ist in seiner Aktualität unübertroffen. Es wurde von Bernd Schaudinnus als Baumskulptur aus Zwetschkenholz ausgeführt. Bei der Nachbearbeitung hat er dem Baumstrunk eine Bleimaske übergestülpt, die einen wortlosen Schrei ausstößt.

Die Veränderung der Natur ist in den letzten 50 Jahren allgegenwärtig, die Zerstörung kaum mehr aufzuhalten. Das spricht aus diesem Baummärtyrer.

Ein weiteres bekennendes Zeugnis legt die Baumskulptur „Cyrill 2“( aus Fichtenholz) ab. Das blieb übrig vom großen Sturm 2007, der Bäume wie Halme knicken ließ, Baumstämme zu Spänen machte .

Holz als ursprüngliches Trägermaterial

Holz ist ursprünglich, natürlich und unberechenbar.

Durch einen oftmals geringen Bearbeitungsgrad wird das Holz bei Schaudinnus nicht denaturiert, wie z.B. Sperrholz. Er bearbeitet den ursprünglichen Werkstoff, den Bäume liefern.

Holz ist ein Grundstoff der menschlichen Kulturtätigkeit. (neben Stein und Metall). Im christlichen Kulturkreis erhielt Holz als Material eine besondere Wertigkeit, weil Christus an ein hölzernes Kreuz genagelt wurde. Lateinisch bedeutet Holz „lignum“.

Seit den 1960er Jahren wird ökologisch ausgerichtete Kunst wieder zum Thema. Joseph Beuys (1921 –1986 )hat den Baum als Pflanze zurück in das Kunstbewusstsein geholt, in seinem abgetöteten und zu heilenden Zustand. Mit seinem Landschaftskunstwerk „7000 Eichen“, das 1982 auf der documenta 7 vorgestellt wurde. Auch Beuys, der als Künstler, Schamane und Umweltschützer wollte den Menschen den Baum als wichtiges Regenerationsmittel wieder näher bringen. 1982 pflanzte er den ersten Baum, nach seinem Tod 1987 pflanzte sein Sohn den letzten Baum dieser Aktion. Wurde doch dem Ursprung des Holzes, bei der Skulptur der Moderne keine Beachtung mehr geschenkt. Schaudinnus wurde in den Schamanismus durch Hyemeyohsts Storm initiiert. Auch er ist ein sehender Bewahrer und Wanderer durch die Welten. Bäume sind für ihn, Begleiter.

Schaudinnus würdigt, als gelernter Holzbildhauer den Werkstoff Holz, sonst gilt Holz meist als geringwertiger Werkstoff. Für den deutschen Bildhauer Ernst Barlach (1870 – 1938)

war Holz nach seiner Russlandreise das bevorzugte Trägermaterial. Barlach wurde von der mittelalterlichen Holzbildhauerei inspiriert. Seine Skulpturen zeichneten sich durch Monumentalität und seinen expressiven Stil aus. Bei Barlach stand der Mensch in all seinen Gefühlsregungen als Medium Pate.

Die Protagonisten von Schaudinnus sind Bäume, verholzte Pflanzen. Sie waren vor der künstlerischen Umgestaltung bereits lebende Organismen, nämlich Bäume, die für uns Menschen lebensnotwendig sind, wie sie uns vor der Hitze und der UV-Strahlung schützen, sollte der Mensch ihnen den Schutz gewähren, ein Baumschützer und nicht Baum-Zerstörer sein.

Eisen als schmerzendes Werksmaterial

Als zusätzliches Werksmaterial kommt bei Schaudinnus Draht zum Einsatz.

Zum Holz kommt das Metall, hier sind Eisen oder Kupferdrähte gemeint.

Stacheldrähte fügen Verletzungen zu. Für die Herstellung dieser Schmerzseile wurden Drähte miteinander verflochten und in regelmäßigen Abständen Metallhaken und Drahtspitzen angebracht. Stacheldrähte wurden immer schon dazu verwendet, um Tiere oder Menschen am Betreten von Grundstücken zu hindern. Sie zeigten immer ein neues Territorium an. Schon in der Antike wurde das harte Metall mit Gewalt in Verbindung gebracht. Stacheldraht kam zum Einsatz bei der Berliner Mauer, in Konzentrationslagern, Gefängnissen. Es ist nach wie vor ein Symbol für Unterdrückung und Unfreiheit.

Schaudinnus, der auch zum Kunsttherapeuten ausgebildet wurde, zeigt diese zurückgelassenen und vergessenen Schmerzseile an seinen Bäumen. Seinen Baummärtyrern wurde Gewalt zugefügt. Sie haben Leid auf sich genommen.

Der Draht steht für die Verkörperung des „Schmerz zufügers“.

Entweder ist er bereits um den Baum gewickelt oder wird zusätzlich vom Künstler als Schmerzadditiv verwendet.

Der Rost, der aufgrund der Verwitterung eingesetzt hat verleiht den Drähten aus rostigen Eisen seinen archaischen Charakter.

Um mit Bettina von Arnim zu sprechen,

„Kunst ist Beseelung des Stoffes“ (Bettina von Arnim 1785 – 1859),

Bernd Schaudinnus hat seinen Baummärtyrern durch seine Aufmerksamkeit, Hingabe und Empathie wieder eine Seele eingehaucht. Sie zu stummen Zeitzeugen gemacht, die auf dem künstlerischen Weg ein Umdenken bewirken sollen. Werden Sie in seinem Sinne zu Bekennern des Umweltgedankens und zu Bewahrern der geschundenen Natur.

Verena Nussbaumer, 2014